Was ist nach der Brandnacht passiert? – Umgang mit dem Täter
Der Täter gestand zunächst die Brandstiftung in der Geißstraße 7 am 16. März 1994, bestritt dies jedoch anschließend vor Gericht. Darüber hinaus gestand er, weitere sieben Brandanschläge überwiegend auf Arbeitsmigrant*innen aus der Türkei begangen zu haben. Mehrere Menschen wurden dabei verletzt. Zum Glück gab es keine Toten. Teilweise hinterließ der Täter nach der Tat ein Bekennerschreiben. Im Briefkasten des Sozialamts Esslingen wurde beispielsweise eine aus einem Telefonbuch herausgerissene Seite gefunden, auf der ein türkisch klingender Name mit einem Filzstift schwarz markiert wurde und mit den Worten „Kanaken raus“, einem Hakenkreuz und SS-Runen beschriftet war.
Die Stadt Stuttgart gab allerdings laut Berichten des Journalisten Philipp Maußhardt bereits kurz nach dem Brandanschlag auf die Geißstraße 7 – als die Spurensicherung vor Ort noch im Gange war – bekannt, dass es „Gott sei Dank“ keine Hinweise auf einen ausländerfeindlichen Hintergrund des Anschlags gebe.
Auf die Frage vor Gericht, warum der Täter die Brandanschläge verübte, meinte dieser, er habe einen Hass auf Ausländer, seitdem er am 22. Juli 1994 von drei migrantischen Männern ausgeraubt wurde. Er wolle sich “an den Ausländern rächen”. Der Raubüberfall geschah NACH dem Brandanschlag in der Geißstraße 7.
Der Journalist Philipp Maußhardt stellte in diesem Zusammenhang die berechtigten Fragen: „Wird man vielleicht am 19. Mai oder am 23. Oktober plötzlich zum Ausländerfeind? Wie funktioniert das und um wie viel Uhr?“
Der Täter wurde am 23. Mai 1996 wegen Mordes in sieben Fällen, versuchten Mordes in 86 Fällen und wegen Brandstiftung in acht Fällen zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe und einer anschließenden Sicherheitsverwahrung verurteilt. Die Worte „Rassismus“ oder „rassistische Tat“ kommt im Urteil nicht vor. Seit 2024 ist er wieder auf freiem Fuß.
Das Landgericht Stuttgart wertet bis heute die rassistischen Bekennerschreiben des Täters nur als Versuche, mehr öffentliche Aufmerksamkeit für die Brandanschläge zu erhalten.
Laut dieser Interpretation hegte der Täter lediglich Hass gegen die spezifischen „Ausländer“, die ihn überfallen hatten. Somit spricht das Landgericht nicht von einem rassistischen Anschlag auf die Geißstraße 7.
Die fehlende Betroffenenperspektive
Athina und Kristina S., Zusanna M., Nebahat und Aynül S. sowie Ante und Ljuba B. wurden am 16.03.1994 durch den rassistischen Brandanschlag getötet und ihre Stimmen so für immer zum Schweigen gebracht. Auch für die Perspektive der Angehörigen der Getöteten und der Überlebenden des Brandanschlags interessierte sich die deutsche Öffentlichkeit für mehr als 3 Jahrzehnte nicht. Viele haben Stuttgart verlassen und die Spur zu ihnen ist verloren gegangen.
In der Berichterstattung aus den 1990er Jahren zum rassistischen Brandanschlag auf die Geißstraße 7 kommt die Perspektive der überlebenden Bewohner*innen und der Angehörigen der getöteten 7 Menschen nicht vor. Weder Journalist*innen noch eine zivile Öffentlichkeit schienen sich zu fragen, was der rassistisch motivierte Brandanschlag bei den Überlebenden und den Angehörigen der Getöteten an unvorstellbar großem Schmerz ausgelöst hat.
Als Initiative Geißstraße 7 ist uns die Schwierigkeit bewusst, nicht im Kontakt mit den Angehörigen und Überlebenden zu stehen und zu wissen, was sie möchten und brauchen. Wir wollen und können nicht für sie sprechen. Unsere Intention ist auf die schmerzhafte Leerstelle aufmerksam zu machen. Aus einer rassismuskritischen Haltung heraus ist es uns jedoch ein großes Anliegen dennoch eine breite Öffentlichkeit auf den rassistischen Brandanschlag und die Versäumnisse zu schaffen.
Wir sind dankbar über Kontakt zu Angehörigen und Überlebenden.
Initiative Geißstraße 7 – Wer sind wir?
Die Initiative „Geißstraße 7“ ist eine aktivistische Gruppe. Wir kämpfen für eine ehrliche und betroffenenzentrierte Aufarbeitung des rassistischen Brandanschlags vom 16. März 1994 in Stuttgart, bei dem sieben Menschen und ein ungeborenes Baby ermordet wurden.
Der Umgang mit dem rassistischen Brandanschlag war damals von offizieller Seite katastrophal und mehrheitlich verleugnend. Die Betroffenen haben keine Unterstützung erfahren und wurden im Stich gelassen.
Unser Ziel ist eine verantwortungsübernehmende Erinnerungskultur innerhalb der Stadtgesellschaft und darüber hinaus. Dabei sollen die Überlebenden und die Angehörigen zentriert sein und nicht der Täter. Wir fordern Gerechtigkeit!